Donnerstag, 3. Juli 2014

Initiation - und: das Private ist das Politische

Es wäre etwas dreist zu behaupten, wir würden nicht wegen der Unterhaltung, dem Vergnügen und der Coolness wegen nach Florida in die Ferien vereisen. Es gibt aber quasi einen Subtext zu diesem Unterfangen. Genau genommen zwei. Dieser Blog ist als eine Heldenreise angelegt. Die Geschichte soll als spannende Story erzählt werden und damit der Blog als Beispiel dienen, wie dieses Werkzeug verwendet werden kann. Auf der zweiten Ebene wollen wir Zeuge werden der Initiation meines Sohnes vom Kind zum Erwachsenen.
Nicht nur, dass er, mein Sohn afrikanische Wurzeln hat, wollen wir auch die Lebensweise der wenigen verbliebenden Semiolen (siehe Bild) erkunden. Initiation ist in Afrika wie bei den indigenen Völkern der USA noch viel lebendiger als bei uns. Wenn der Vater mit seinem Sohn an der Bruchstelle zwischen 16 und 17 drei Wochen in einem fremden Land unterwegs ist, dann gibt es da Gelegenheiten, die gemeinsame Vergangenheit neu zu verstehen, die Gegenwart neu auszurichten und für die Zukunft neue Ziele zu setzen. Jonas braucht neue Ziele und dafür braucht er auch neue Werkzeuge, mit denen er lernen muss umzugehen. In unserer modernen Welt sind wir arm geworden an Ritualen und haben wenig Zugang zu Symbolik. Wir sind sehr rational geworden und am Materiellen orientiert. Gerade im Übergang vom Kind zum erwachsenen Menschen erkennt man das an den sich ändernden Verhaltensweisen, am Kleiderstil und dem leichten Hang zur Rebellion. Ich finde Rebellion als Lebensphase wichtig. Aber ich finde es auch wichtig in dieser Lebensfrage Rebellion mit Stilfragen zu verweben und bewusst zu machen, in welchen Rollen sich Rebellen wieder finden können. Als Täter, als Opfer, aber auch als Bestrafte. Rebellion war zu meiner Pubertätszeit eine gesellschaftliche Gegebenheit. Wer allzu über die Stränge schlug, wurde viel weniger drastisch zurecht gewiesen als heute. Fühlten sich damals noch die Väter zuständig für gewisse Korrekturen, scheint man das heute an Institutionen zu delegieren. Ich denke an die Schule, ich denke aber auch an die Polizei und an die Behörden. Ich delegiere meine Aufgabe nicht an Dritte und gehe das Risiko ein auf der Heldenreise meines Sohn ihn zu begleiten und Teil der Konflikte und Lösungen zu sein, denen wir bei allen Vergnüglichkeiten nicht aus dem Weg gehen werden. Wir werden die Krokodile suchen, die Everglades mit dem Kanu durchpflügen, uns von Moskitos und Sandflöhe stechen lassen und mit den Haifischen um die Wette schwimmen, um uns dann mit den Delphinen zu versöhnen.

Als Vater von drei Söhnen in der Schweiz weiss ich nur zu gut was die Umschreibung "Armutsrisiko Kind" zu bedeuten hat. Als alle drei noch Kinder waren, ging das alles noch ganz gut, doch je grösser die Kids wurden desto mehr Mittelzufluss musste organisiert werden. Das bedeutete für meine Frau Erwerbsarbeit und für mich "Karriere". Das ging solange gut bis die Altersguillotine 50+ auch bei mir Tribut zollte.  Sie, die Guillotine, ist bis heute eines der Tabus in der Schweiz, das nicht der Transparenz und schon gar nicht der Läsung zu geführt wird, so es denn eine geben kann. Sie wurde ab dem Moment als man ihrer gewahr wurde bis heute nicht verhindert. Im Gegenteil, die Zuwanderung verschärfte den Konkurrenzkampf um die gut bezahlten Jobs in der Schweiz um ein Vielfaches. Wer nicht rechtzeitig Massnahmen traf und sich neu orientierte, sprich, eine neue Karriere ins Auge fasste und aufbaute, musste hart bezahlen. Ich schreibe dies in der Vergangenheitsform, befürchte aber, dass das bis heute immer noch jeden trifft, der die künstlich festgelegte Kostenschwelle 50 überschreitet. Mir gelang der Turn around. Nicht, dass ich mein damaliges Lohnniveau hätte halten können, aber wir kommen durch. Natürlich auch deshalb weil die beiden älteren Söhne wirtschaftlich selbstständig geworden sind.

Bezahlt hat aber die Zeche uns Jüngster. Er erlebte seinen Vater dramatisch anders als seine beiden älteren Brüder. Fand ich mit den Grossen noch Zeit für Fussball und Aufgabenhilfe, so stand diese Zeit dem Jüngsten nicht in demselben Masse zur Verfügung. Das ist es was ich heute sehe. Gelingt es der Frauenbewegung seit vielen Jahren immer wieder die Bedürfnisse der Frauen ins Zentrum des Interesses zu stellen, so gehen zwar nicht die Männer an sich vergessen, aber es spricht niemand wirklich darüber, was der Vater verpasst und in welche Rollenmodelle er gezwungen wird. Es kann sein, dass die Oberschicht nicht unter denselben Entzügen leidet wie unsere Familie, die in ihrer Konstellation in der unteren Mittelschicht zu verordnen ist. Hier stellt sich die Luxusfrage nicht, ob der Mann bereit ist weniger zu verdienen. Zuerst muss überhaupt das Familieneinkommen gesichert sein, bevor die Teilzeitarbeit ein Thema wird. In unserem Fall hat sich das von alleine gelöst, resp. wurde das von Rahmenbedingungen diktiert, auf die wir keinen Einfluss nehmen konnten und können. Meine Frau konnte nie mehr als 90% als Fachangestellt Gesundheit arbeiten. Ich nie mehr als 80% als Fachhochschuldozent. Nun, das gemeinsame Einkommen reicht heute und erlaubt uns eine Initiationsreise für Vater und Sohn nach Florida. Abgespart am Auto, abgespart am einfachen Lebensstil.

Damit wäre der theoretische Teil erledigt, das Private politisch gemacht. Schauen wir der Reise ins Auge. Bis morgen zur Abreise!

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